GRAND CANYON – DAS ES

Eine Begegnung mit der Tiefe

Wir überqueren die Grenze des Grand-Canyon-Nationalparks am späten Abend. Auf der Straße N64 fahren wir teilweise entlang des Canyons des Little Colorado. Der schmale Canyon schneidet eine tiefe Furche in das dünn bewachsene Plateau – eine Vorankündigung dessen, was uns morgen erwartet.

Wir erreichen unseren Desert Campground kurz vor Anbruch der Nacht. Der Campingplatz liegt in einem flachen Pinienwäldchen. Nichts in der Topografie des Geländes deutet darauf hin, was uns am Rim erwartet.

Die Nacht am Canyon

Noch in der Nacht wage ich einen ersten Erkundungsgang Richtung Canyon.

Bevor ich ihn sehen kann, ist er schon da.

Der riesige leere Raum kündigt sich durch eine unglaubliche Ruhe an. ES verschlingt jedes Geräusch. Nichts steigt aus der Tiefe zu mir herauf, außer dem kalten Atem der Nacht.

In meiner Nähe höre ich plötzlich eine Bewegung. Ein größeres Tier, Grunzen, Schnauben. Fast so, wie ich es von einem Elch erwarten würde – die kommen hier allerdings nur selten vor. Ich erinnere mich an die Hinweise des Rangers, der uns nach unserer Ankunft auch über den Umgang mit den hier vorkommenden Bären aufgeklärt hat und ziehe mich schnellen Schrittes zu unserem C30-Camper zurück.

Der Morgen am Rim

Der Sonnenaufgang ist um 6:06 Uhr. Auch das wissen wir vom Ranger.

Den Weg zum Rim kenne ich jetzt schon.

Einige Campbewohner versammeln sich langsam neben uns. Wir schauen nach Osten, über die Hochebene. In der Morgenröte ragt dort ein einzelner Tafelberg hervor. Links von uns liegt das riesige ES, noch von einem graublauen Lichtschleier bedeckt. Es wird Stunden dauern, bis die Sonne auch die tieferen Ebenen des Canyons erreicht.

Der Rim, an dem wir uns platzier haben, ist nichts anderes als die Grenze zum Abgrund. Ein Schritt weiter – und wir würden mehrere hundert Meter fallen.

Wir schauen fast 1,6 Kilometer tief hinunter. Ganz unten erscheint gelegentlich der Colorado River, nur noch ein schmales Rinnsal, der in der Tiefe lautlos glänzt. Der gegenüberliegende Rim liegt viele Kilometer von uns entfernt.

Unter uns erstreckt sich eine Landschaft, die nur für sich und ihrer Schönheit wegen zu existieren vermag. Hoch aufragende Türme, Bergketten, Plateaus, schmale und breite Schluchten und das alles unter unseren Füssen. Eine Landschaft, die nur Fabelwesen zu bewohnen wissen.

Zwischen uns und der Landschaft erstreckt sich ein für uns unüberwindbarer Raum.

Schön. Fern. Unantastbar.

Das violett-blaue Licht verstärkt diesen Eindruck, die Kühle der Nacht durchdring unsere Kleidung, wir spüren es auf der Haut und mit jedem Atemzug fühlen wir uns immer mehr von der Tiefe eingenommen.Und über dieser fremden Welt steigt gleichzeitig die Sonne auf. Sie bringt etwas Vertrautes zurück: Wärme und helles Licht. Fast vorsichtig schaut sie zunächst in die Tiefe des Canyons hinein. Nach und nach berührt ihr Licht einzelne Felswände, während andere noch lange im blauen Schatten liegen. Der Kuss der Sonne unterbricht unsere Verschmelzung mit dem kühlen Raum.

Irgendwann wird aus der morgendlichen Kälte Hitze, und die Sonne vertreibt uns zum Frühstück.

Der Weg zurück erscheint mir viel länger als das eilige Rennen zum Rim am frühen Morgen.

ES wirkt weiter.

Wir spüren es im Rücken. Es verlangsamt uns, als hätte dieses große Loch eine eigene Gravitationskraft entwickelt. Es nimmt uns etwas von der Fröhlichkeit des sonnigen Morgens und gibt uns dafür ein anderes Gefühl: an etwas beteiligt gewesen zu sein, das tiefer reicht und uns bis dahin unbekannt war.

Nach dem Frühstück werden wir uns dieser Anziehungskraft gerne wieder hingeben.

Ein Bild reicht nicht

Viel später stehe ich in Paris vor David Hockneys A Bigger Grand Canyon.

Hockney beschäftigt sich mit einem Problem, das mir am Grand Canyon noch gar nicht bewusst war: Eine Fotografie hält einen Augenblick fest. Aber erleben wir eine Landschaft tatsächlich in einem Augenblick?

Wir bewegen uns. Unser Blick wandert. Wir schauen in die Nähe und in die Ferne, nach links und nach rechts. Wir erinnern uns an das, was wir gerade eben gesehen haben, während wir schon etwas Neues betrachten. Licht verändert sich. Schatten wandern. Und unser Körper ist die ganze Zeit Teil dieses Sehens.

Hockneys Grand Canyon besteht deshalb nicht aus einem einzigen Blick. Viele einzelne Bilder fügen sich zu einem großen Bild zusammen. Die Perspektiven stimmen nicht vollkommen überein – und vielleicht kommen sie gerade deshalb unserem Erleben näher.

Als ich vor seinem Bild stehe, kehrt etwas von unserem Morgen am Rim zurück.

Vielleicht kann kein Lichtbild genau das wiedergeben, was eine Landschaft in uns hinterlässt. Nicht weil die Kamera zu ungenau wäre. Im Gegenteil: Vielleicht ist sie für einen einzigen Augenblick sogar zu genau.

Unser Erleben hat eine andere Zeit.

Die Erlebniszeit

Sie beginnt schon vor dem eigentlichen Sehen. Bei mir begann sie vielleicht in jener Nacht, als ich den Canyon noch gar nicht erkennen konnte und ES trotzdem schon körperlich spürte. Sie setzte sich fort im kalten Morgen, im ersten Licht, im Blick zum Colorado tief unter uns, im langsamen Wandern der Sonne über die Felswände. Und sie endete nicht, als wir uns vom Rim entfernten.

Die Landschaft blieb.

Als Bild, als Erinnerung – aber auch als Körpergefühl.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Verbindung zu Hockney. Ein großes Landschaftsbild entsteht nicht in einem einzigen Moment. Es entsteht aus vielen Blicken und vielen Augenblicken. Und irgendwann wissen wir nicht mehr genau, was wir tatsächlich gesehen haben und was unsere Erinnerung daraus gemacht hat.

Am Grand Canyon kam noch etwas anderes hinzu.

Die ungeheure Leere zwischen uns und der Landschaft trennte uns von ihr und zog uns gleichzeitig hinein. Wir standen an ihrer Grenze. Vor uns ein Raum, den wir nicht betreten konnten und zu dem wir trotzdem gehören.

Vielleicht kommt daher diese seltsame Sehnsucht.

Irgendwann werden auch wir Teil dieses großen Ganzen sein.

Bis dahin stehen wir am Rim und schauen hinein.

… und ES schaut zurück …

Grand Canyon – Bilder und Eindrücke